Das Schuljahr 2025/26 ist zu Ende und auch wir haben letzte Woche erfolgreich unser zweites Workshopmodul „Rassismus“ abgeschlossen. Seit Beginn des Halbjahres haben wir wieder in allen 8. Klassen unserer Kooperationsschulen drei Workshops durchgeführt sowie eine Vor- und Nachbereitung der Workshops mit den Lehrkräften und Schulsozialarbeiter*innen. Dabei haben wir uns verschiedenen Bereichen des Themenkomplexes Rassismus gewidmet.
In diesem Beitrag informieren wir ausführlicher über Inhalte und Methoden des Workshop-Moduls „Rassismus“.
Tag 1 – Arbeits-Definition und Anwendung
Im ersten Workshop stand die Erarbeitung einer Definition im Fokus. Mittels verschiedener Aussagen über Rassismus entwickelten die Schüler*innen eine Mindmap, die verdeutlichte, was alles zu Rassismus dazu gehören kann. Die Mindmap bestand aus den 4 Hauptbereichen Kernelemente von Rassismus, Merkmale, anhand derer Menschen in Gruppen eingeteilt werden, Zuschreibungen bzw. Vorurteile über die Fremd- und Eigengruppe, sowie die Funktionen, die Rassismus erfüllt. Um nicht nur bei der Theorie zu bleiben, wendeten die Schüler*innen die von ihnen erarbeiteten Ergebnisse anschließend auf ein von uns auf die Schule zugeschnittenes Fallbeispiel an, das sich an einem Vorfall, der sich 2015 in der Gemeinde Hardheim ereignete und vielseitig diskutiert wurde.

Tag 2 - Geschichte des Rassismus
Für den zweiten Workshoptag stand uns wieder ein ganzer Schultag zur Verfügung. Im ersten Teil des Tages widmeten wir uns den Entstehungsbedingungen von Rassismus und nahmen in den Blick, wie sich rassistisches Denken und rassistische Argumentationsmuster im Laufe der Jahrhunderte verändert haben, aber auch, welche Kontinuitäten sich durch die Zeit ziehen. Dazu arbeiteten die Schüler*innen in Kleingruppen zu unterschiedlichen Ereignissen und analysierten, welche Formen rassistischen Denkens (Ideologie), Handelns (Praxis) und verschiedenen Funktionen dabei eine Rolle spielten. Dabei betrachteten wir auch antirassistische Akteur*innen und Errungenschaften – denn zu der Geschichte des Rassismus gehört auch die Geschichte des Antirassismus.
Ein zentrales Lernziel der Übung war zu verdeutlichen, dass Rassismus keine Naturgegebenheit ist, die es schon „seit immer“ gibt, sondern dass er ein Produkt menschlichen Handelns ist.

Tag 2 - Der NSU-Komplex in Dortmund
Im zweiten Teil des Tages blickten wir auf Ereignisse der jüngeren Vergangenheit: Die rassistischen NSU-Morde. Nur wenige Schüler*innen kannten den Namen Mehmet Kubaşık oder hatten schon einmal etwas von den Morden gehört. Über Fotos der verschiedenen Gedenk- und Erinnerungsorte in Dortmund nährten wir uns dem Fall und vermittelten den Schüler*innen Hintergrundinformationen zu den rassistischen Verbrechen des NSU und den Versäumnissen, die über Jahre bei den Ermittlungen und der Aufarbeitung erfolgten.
Anschließend schauten wir ein Interview des SWR mit Gamze Kubaşık, der Tochter von Mehmet Kubaşık. Durch das Interview erfuhren die Jugendlichen nicht nur mehr über den Fall, sondern auch, wie Gamze Kubaşık den rassistischen Mord an ihrem Vater und den Umgang damit erlebte. Wir wählten diesen Ansatz bewusst, um den Jugendlichen einen Einblick in die Perspektive Betroffener zu vermitteln und ihre Empathie anzuregen. Den Schüler*innen wurde somit deutlich, welche Auswirkungen die NSU-Morde, die Kriminalisierung der Opfer und die rassistische Berichterstattung auf das Leben der Angehörigen hatte und hat. In einem anschließenden Klassengespräch erarbeiteten wir gemeinsam, an welchen Stellen – neben dem offensichtlich rassistischen Tatmotiv – Rassismus eine Rolle spielte. Dabei sprachen wir auch darüber, was hätten anders laufen können und an welchen Stellschrauben dafür gedreht werden müsste. Die vielfältigen Ideen und Erkenntnisse der Jugendlichen machen Mut und Zuversicht für die Zukunft.


Ein weiterer Aspekt, der in dem Interview deutlich wird, ist Gamze Kubaşıks politisches Engagement und die Forderung „Kein Schlussstrich“. Viele der Jugendlichen sprachen ihren Respekt für Gamze Kubaşıks Erinnerungsarbeit aus und unterstützten ihre Forderung nach vollständiger Aufklärung. Das Interesse an dem Buch von Gamze Kubaşık, Semiya Şimşek und Co-Autorin Christine Werner war ebenso groß, wie der Wunsch, Gamze einmal in die Schule einzuladen.
Aktiv werden gegen Rassismus
Um diesem schweren Thema zum Abschluss des Workshoptages in gewisser Weise etwas „Positives“ entgegenzustellen, konnten die Jugendlichen unter drei verschiedenen Übungen wählen, um verschiedene Möglichkeiten zu erproben, wie sie sich individuell gegen Rassismus engagieren können:
1. Einen Leserbrief schreiben (um die
rassistische Berichterstattung zu kritisieren),
2. eine Video-Botschaft über bzw. gegen
Rassismus zu drehen oder
3. einen Brief an Gamze Kubaşık schreiben.
Die meisten Jugendlichen entschieden sich für den Brief an Gamze Kubaşık. Einige nahmen unser Angebot an, ihr die Briefe zukommen zu lassen. So schickten wir am Ende des Schuljahres über 100 Briefe der Dortmunder Schüler*innen an Gamze Kubaşık. Sie freute sich sehr über die Briefe und sprach den Schüler*innen über Instagram ihren Dank aus. Die Jugendlichen konnten Selbstwirksamkeit erfahren und so erleben, dass ihr eigenes Engagement gegen Rassismus eine unmittelbare empowernde Wirkung auf Betroffene hat.
Tag 3 – Antiziganismus
Am letzten Workshoptag thematisierten wir, dass es verschiedene Formen von Rassismus gibt, die sich trotz ihrer Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Betroffenen-Gruppen, die Vorurteile und ihre Geschichte unterscheiden. Dabei widmeten wir uns einer spezifischen Form von Rassismus: dem Antiziganismus.
Auch hier stellten wir wieder die Betroffenenperspektive in den Fokus. In einem Video berichten junge Sinti und Roma – die die zahlenmäßig am stärksten von Antiziganismus betroffenen Gruppens sind – mit welchen antiziganistischen Vorurteilen sie konfrontiert sind, wie sich diese auf ihr alltägliches Leben auswirken und wie sie damit umgehen. Mittels einer Bildanalyse eines antiziganistischen Gemäldes vom Ende des 18. Jahrhunderts arbeiteten die Jugendlichen die Kontinuität dieser Vorurteile heraus.
Im zweiten Teil des Workshops setzten wir uns mit dem Holocaust an den Sinti und Roma und mit der rassistischen Fremdbezeichnung, die im Antiziganismus kursiert, auseinander. Wir näherten uns diesen Themen mit Hilfe der Comics zum Staatsvertrag des Landes Baden-Württemberg mit dem Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg e.V., der von ebendiesem herausgegeben wurde. Somit konnten wir den Schüler*innen erneut einen Einblick in die Perspektive Betroffener von Antiziganismus vermitteln.
Während die meisten Schüler*innen bisher noch nicht von der Massenvernichtung der Sinti und Roma gehört hatten, war die rassistische Fremdbezeichnung den allermeisten bekannt. Jedoch war nicht allen klar, dass es sich dabei um keine neutrale Bezeichnung für ein bestimmte Bevölkerungsgruppe handelt, sondern um eine rassistische Fremdbezeichnung, die viele Betroffenen von Antiziganismus als sehr verletzend und demütigend empfinden. Auch die jahrhundertelange Historie der Ausgrenzung und Verfolgung hinter diesem Wort und den Zusammenhang zum Holocaust kannten die Jugendlichen bis zu unserem Workshop nicht.


Abschluss und Ausblick
Wenngleich wir bereits während der laufenden Workshopphasen Ideen entwickelten, wie wir die einzelnen Übungen verändern könnten und aufgrund unserer zeitlich begrenzten Ressourcen auch immer wieder an die Grenzen unserer Projektarbeit stießen und bestimmte Inhalte weitestgehend außen vorblieben (wie z.B. institutionell verankerter Rassismus und seine Auswirkungen sowie andere Formen von Rassismus), blicken wir zufrieden auf das Workshop-Modul Rassismus zurück. Wir konnten einen wichtigen Grundstein legen, an den die Schulen und auch die Schüler*innen selbst in Zukunft anknüpfen können.
Obwohl wir uns auf den Sommer freuen, werden wir keinesfalls auf der faulen Haut liegen. Während der Sommerferien arbeiten wir an dem Workshop-Modul „Sexismus“, das wir im nächsten Schulhalbjahr durchführen werden. Dazu haben wir uns Feedback der Schüler*innen eingeholt, um zu erfahren, welche Bereiche des Themas sie besonders interessieren und worüber sie gerne mehr wissen möchten. Auch die Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter*innen haben uns eine Einschätzung gegeben, welche Bedarfe es gibt und welche darauf bezogenen Themen momentan bei den Schüler*innen aktuell sind.

